Ein offener Brief an die BVG – Über die Bürokratie des Todes

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der BVG, liebe Geschäftsführung, liebe interessierte Öffentlichkeit,

in Anlehnung an Ihre Social-Media-Kampagne und – zugegebenermaßen – wütend schreiben wir Ihnen über unsere letzte, traurige Erfahrung mit Ihrem Unternehmen und hoffen, auf diesem Wege Ihre Aufmerksamkeit zu erhalten. Bisher sind wir damit – abgesehen von vorgefertigten Schreiben und stumpf wiederholten Anweisungen – erfolglos geblieben.

Bei Kontrolle der Fahrausweise wurden wir mit Semesterticket und Lichtbildkarte der Krankenkasse – Die Ähnlichkeit des Fotos mit unserer Person ist frappierend! – aufgefordert, ein erhöhtes Beförderungsentgelt zu entrichten, da gemäß den Statuten kein amtlicher Lichtbildausweis mitgeführt wurde. Nach voran gegangener schriftlicher Korrespondenz wurden wir also vorstellig an der Michaelbrücke. Folgende Gedanken dazu, stellvertretend für alle ein ähnliches Schicksal Erleidenden:

  1. Wir verstehen, dass die Lichtbildkarte der Krankenkasse kein amtliches Ausweisdokument ist.*
  2. Wir gehen davon aus, dass Regeln aufgestellt und niedergeschrieben werden, um ein verträgliches Auskommen miteinander zu ermöglichen. In diesem Fall – und das vollkommen verständlich – gilt die Pflicht der Identifikation mit einem amtlichen Lichtbildausweis höchstwahrscheinlich der Forcierung der Nichtübertragbarkeit des Studententickets. Andere nachvollziehbare Gründe lägen durchaus in unserem Interesse.
  3. Wir gehen davon aus, dass trotz niedergeschriebener Regeln eine Beurteilung des individuellen Falles möglich sein sollte. Hier war also die Identifikation unserer Person zwar nicht amtlich beglaubigt, aber nach allen Regeln des gesunden Menschenverstandes eindeutig belegt. So eindeutig, dass ohne weitere Prüfung der Bescheid über das erhöhte Beförderungsentgelt auf angegeben Namen und Adresse ausgestellt werden konnte. (Seltsam, auf eine Weise, nicht?) Im weiteren war es also unsere Hoffnung, dass das Unternehmen BVG von der Eintreibung der 7 € Bearbeitungsgebühr** absehen würde, denn wir würden ja (spätestens) an der Michaelbrücke nicht mit Maschinen sprechen.
  4. Weit gefehlt. Gebetsmühlenartig wurde uns dort wiederholt, dass man nur die Regeln befolge. Eine individuelle Beurteilung des Sachverhalts und ggfls. Erlassung der Bearbeitungsgebühr sei der BVG unter keinen Umständen möglich.
  5. Ein Gespräch mit einem Vorgesetzten schlugen wir aus, nachdem Ihre Mitarbeiterin uns eröffnete, dass auch Vorgesetzte diese Regeln strikt zu erfüllen haben und mit einer Wartezeit von starken 45 Minuten zu rechnen sei. Ein ausgeklügeltes Vorgehen.
  6. Falls Sie der engagierten Mitarbeiterin einen Orden für Regeltreue und Tapferkeit beim Durchsetzen der Statuten verleihen möchten: Sie empfing uns heute, am 18.05.15 um ca. 13 Uhr an Schalter 4.
  7. Wenn wir in 2. nichts übersehen haben und die internen Prozesskosten unter 7 € liegen, handelt es sich erwiesen um Abzocke. Wenn das Briefing der Fahrprüfer lautet, entsprechend zu handeln, ist sie vorsätzlich. Liegen die internen Kosten des Prozesses höher als 7 €, ist er hanebüchen. Die Kosten für die betroffenen Personen – Anfahrt und Wartezeit – lassen wir dabei noch außen vor.

Uns bleibt nichts mehr, als hochachtungsvoll zu schließen mit

#weilwirdichlieben BVG

P.S.: Uns wurde berichtet, dass zuweilen sogar die Bundespolizei die Lichtbildkarte der Krankenkasse akzeptiert: Verrückt.

P.P.S.: Bevor das Argument kommt – mit der Bearbeitungsgebühr und den verursachten Kosten halten wir es frei nach Tyrion Lannister gegenüber Jorah Mormont. Auf eine Weise ist das ja genau unser Punkt.

Thank you for saving me, although I wouldn’t have needed saving if you hadn’t kidnapped me in the first place.

Update vom 26.05.2015: Auch eine Freundin von uns wurde heute auf Besitz eines gültigen Fahrausweises kontrolliert. Nachdem der Fahrprüfer ihren zum Semesterticket zusätzlich vorgelegten belgischen Personalausweis nicht lesen konnte oder wollte, hat er also ersatzweise nach der Krankenkassenkarte gefragt: No shit.

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Es gibt 1 Kommentar

  1. Sascha

    Hallo,

    Ich hatte ähnlichen Spass mit der BVG. Mein Fall ist noch Kurioser.. Ich habe mittels der BVG-App ein Kurzstreckenticket (!) gekauft. Auch dieses benoetigt einen validen Lichtbildausweiss (siehe seite 3 in der App..). Alleine diese Tatsache ist das sinnloseste was ich seit langem gesehen habe. Wieso benoetige ich fuer eine Kurzstrecke ein Identitaetsausweis?! Aber natürlich nur wenn ich online kaufe, offline am automaten ist dies nicht notwendig…

    Nachdem mir letztes Jahr mein Geldbeutel gestohlen wurde und mit entsprechenden Dokumenten schindluder getrieben wurde (stress bis heute, ala einkaeufe mit ec karte etc.), lasse ich wichtige Dokumente zuhause (auch jegliche lichtbildausweisse). Auf meinem Handy habe ich jedoch Fotos der Dokumente fuer den Fall des Falles… Entsprechner Kontrolleur hat dieses Foto jedoch nicht akzeptiert, anschliessend der gleiche sinnlose Prozess wie oben! Dummerweise habe ich nicht schnell genug geschaltet, haette eig. die Polizei meine Identität feststellen lassen sollen..

    Dienstag werde ich dann ins Kundencenter stuermen und da wohl dann auch die 45min nehmen um mit dem Vorgesetzten zu sprechen. Eine Bodenlose Frechheit!


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