Cadavre Exquis im Kunstquartier Bethanien

Als Kinder sind wir über die Dorfplätze gerannt und durch die Wälder, die Gärten der Nachbarn und durch die Straßen der kleinen Ortschaften, aus denen wir kamen. Irgendwann wurde das Dorf zu klein und die Kleinstadt zu eng für unsere Vorstellung vom Leben. Wir sehnten uns nach der großen Stadt und den Abenteuern, die wir in den Wäldern der Kindheit verloren hatten und dort wieder zu finden hofften.

Viele Jahre später durchflutet strahlendes Weiß die alte Kapelle des 1845 bis 1847 als Diakonisenanstalt erbauten Backsteingebäudes inmitten Kreuzbergs. Über eine Treppe erreicht man die Empore mit Rundbogen. Durch eine Tür am Rande fällt die Frühlingssonne in den Raum. In beiden Etagen sind vor den eigentlichen Wänden kaum merklich, im gleichen Weiß gestrichene zweite Wände angebracht. Das Studio 1 im Kunstquartier Bethanien gehört für uns zu den schönsten Räumen Berlins neben Berghain, dem kathedralengleichen Maschinenraum des alten Heizkraftwerk in Mitte und den vom Geruch alter Bücher gefluteten Gänge der Staatsbibliothek unter den Linden. Hierher hat uns der Wald, die Kleinstadt und die Neugierde getragen.

Vor der Tür unter den beiden spitzen Türmen des Bethanien wartet eine Menschentraube auf den Beginn der Vernissage. An der Wand hängt auch ein Bild von Livia und mir, noch unter Packpapier verborgen, das wir später enthüllen werden. Wir sind für einen Abend zu einem Teil der großen Welt geworden und sehr stolz.

Neben unserem hängen die Bilder von 30 Fotografen – manche Freunde, andere noch Unbekannte für uns. Einige von Ihnen sind uns ans Herz gewachsen im letzten Jahr. Die Bilder sind allesamt in den letzten 155 Tagen entstanden: nach einem alten surrealistischen Spielprinzip reicht jeder Fotograf sein Bild an einen nächsten weiter, der wiederum inspiriert vom Bild seines Vorgängers die Serie weiterführt. Über die technische und visuelle Umsetzung sowie inhaltliche Verknüpfung wird individuell entschieden. So setzt sich die Reihe fort und endet mit der letzten Person, ohne dass man mehr sieht oder kennt als den eigenen Stimulus und Respons. Ob und wie der rote Faden verläuft und welche Geschichte die Fotostrecke erzählt, wird für das Publikum und uns Mitwirkende zum ersten Mal auf der Vernissage enthüllt.

Der Abend und die Ausstellung sind vorüber, ehe wir uns versehen.

Dafür kann man sie jetzt online ansehen. Dazu geht es hier entlang.

 

P.S.: Das Titelbild ist von André Wunstorf, die Installation von Nora Blum. Die Bilder im Beitrag kommen von uns. Alle Infos und die Bilder der Ausstellung gibt es auf der Seite des Projekts, genauso wie die Links zu den Portfolios der anderen Künstler. Ein Blick dahin lohnt sich!)

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